Wir sind mit dem Versprechen aufgewachsen, dass die Welt „da draußen“ objektiv messbar und zweifelsfrei erkennbar ist. Über Jahrhunderte war das Prinzip „Seeing is believing“ der unumstößliche Goldstandard unserer Zivilisation. Es war der Anker, an dem unsere Gerichte, unsere Medien und unser gesellschaftliches Miteinander festgemacht waren.
Doch im Jahr 2026 ist dieser Anker gelichtet. Wir treten ein in das Quantenzeitalter der Information. Eine Ära, in der ein Video gleichzeitig „echt“ und „KI-generiert“ sein kann, bis wir uns für eine Interpretation entscheiden. Die Realität ist nicht mehr binär (wahr/falsch), sondern probabilistisch – also nur noch mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit wahr.
I. Die Diagnose: Perceptual Malware und die „Lügner-Dividende“
Lange Zeit waren Fotos und Videos die „harten Fakten“ unseres Diskurses. Durch den Aufstieg von Modellen wie Sora erleben wir jedoch den „Tod der Evidenz“. In der Fachwelt wird dies als „Perceptual Malware“ (Wahrnehmungs-Schadsoftware) bezeichnet. Wenn jeder Pixel manipulierbar ist, verlieren visuelle Beweise ihre epistemische Sonderstellung.
Die Gefahr ist dabei doppelt:
- Die Simulation: Wir halten künstliche Welten für die physische Realität. Jean Baudrillard nannte dies Hyperrealität – ein Zustand, in dem die Simulation realer wirkt als das Ereignis selbst.
- Die „Liar’s Dividend“: Das eigentliche Problem ist, dass in einer Welt der Fälschungen jeder Politiker echte Beweise mit dem simplen Satz „Das ist KI“ diskreditieren kann (Chesney & Citron, 2024). Die Realität wird zum Supermarkt der Beliebigkeit.
II. Die Quanten-Metapher: Viele Welten, eine App
Wissenschaftlich lässt sich dieser Zustand mit der Many-Worlds-Interpretation von Hugh Everett beschreiben. In der Quantenphysik existieren Teilchen in einer Superposition aller möglichen Zustände, bis eine Messung erfolgt. Unsere digitale Realität funktioniert heute exakt so:
- In deinem Feed floriert die Wirtschaft, im Feed deines Nachbarn kollabiert sie zeitgleich.
- Beide Welten sind durch „Beweise“ untermauert – einige selektiv, andere synthetisch.
- Wahrheit ist kein fester Punkt mehr, sondern eine Frage der statistischen Häufigkeit im eigenen Informationsraum.
„Wir leben nicht mehr in einer Welt, in der Bilder die Realität abbilden. Wir leben in einer Welt, in der Bilder die Realität erst erschaffen.“
In Anlehnung an Jean Baudrillard.
III. Der strukturelle Schock: Ein binäres System in der Grauzone
Unsere gesamte gesellschaftliche Architektur – vom Gerichtssaal bis zur Redaktionsstube – basiert auf der Annahme einer eindeutigen Wahrheit. Doch dieser „Epistemische Bruch“ überfordert unsere Institutionen.
1. Das binäre Erbe (BGB): Unser Rechtssystem ist ein Kind des industriellen Rationalismus. Das Bürgerliche Gesetzbuch (BGB) kennt nur zwei Zustände: Wahr oder Falsch. Ein Vertrag ist gültig oder nicht. Doch in einer Welt, in der Dokumente mit einer Wahrscheinlichkeit von X % synthetisch sind, bricht die klassische Beweislast zusammen. Wir versuchen, eine Quanten-Realität in die Ja/Nein-Schubladen des 19. Jahrhunderts zu pressen.
2. Das Scheitern des EU AI Acts und das „Pixel-Paradoxon“: Selbst modernste Regulierung wie der EU AI Act (2025) scheitert an seiner binären Logik. Er verlangt eine Kennzeichnungspflicht: KI oder Mensch.
- Das Paradoxon: Was passiert, wenn nur 5 % der Pixel per KI angepasst wurden, um jemanden entschlossener wirken zu lassen? Ist das Video „echt“?
- Epistemische Korrosion: Da die Regulierung eine Trennung erzwingen will, die technisch durch KI-gestützte Sensoren und Bildverbesserer (Zoom, Rauschunterdrückung) gar nicht mehr existiert, wird sie zum zahnlosen Tiger. Wir regulieren die Oberfläche, während die Tiefe der Realität flüssig geworden ist.
„Die Frage ist nicht mehr: ‘Ist das wahr?’ – sondern: ‘Mit welcher Wahrscheinlichkeit entspricht diese Information einem physischen Ereignis?’“
In der Quantenphysik sprechen wir von der Superposition. In unseren Medien erleben wir die Superposition der Wahrheit: Ein Bild ist gleichzeitig Information und Simulation. Die Eindeutigkeit kollabiert nicht durch eine große Lüge, sondern durch Millionen kleiner, künstlicher Pixel-Anpassungen.

IV. Lust auf Zukunft: Vertrauen als neue Infrastruktur
Ein „Deutschland von Morgen“ darf vor dieser Unschärfe nicht kapitulieren. Wir müssen die Behälter für eine flüssige Welt härten.
- Vom Label zur Provenienz: Statt zu fragen „Ist das KI?“, müssen wir fragen „Woher kommt das?“. Wir brauchen eine kryptografisch abgesicherte Beweiskette (z. B. via C2PA-Protokoll), die jede Bearbeitung vom Kamerasensor bis zum Bildschirm dokumentiert. Nicht das Ergebnis zählt, sondern der Weg.
- Wahrscheinlichkeits-Recht: Wir müssen unser Rechtssystem hin zu probabilistischen Urteilsfindungen weiterentwickeln. Experten werden künftig keine „Echtheit“ mehr zertifizieren, sondern Wahrscheinlichkeits-Scores für die Integrität von Beweismitteln liefern.
- Quanten-Bildung & Ambiguitätstoleranz: Unsere Schulen müssen „Realitäts-Kompetenz“ lehren. Wir müssen eine Gesellschaft werden, die es aushält, dass Informationen „schwebend“ sind, und die lernt, Quellen kritisch zu gewichten, statt Bildern blind zu vertrauen.
Kurs halten im Nebel
Das Quantenzeitalter der Realität ist keine Bedrohung, sondern eine Aufforderung, unser Verständnis von Wahrheit zu vertiefen. In einer Welt der totalen Simulation wird Authentizität zur wertvollsten Währung. Institutionen müssen sich als „Ankerpunkte der Wahrscheinlichkeit“ beweisen. Wir müssen lernen, in der Unschärfe zu navigieren, ohne den Kompass der Vernunft zu verlieren.
Quellen & Inspiration:
- Baudrillard, J.: Agonie des Realen. Über das Verschwinden der Referenzpunkte.
- Everett, H.: Relative State Formulation. Die physikalische Basis für multiple Realitäten.
- Chesney & Citron (2024): Technological Disruption of Truth. Aktuelle Studien zur Überforderung des Rechtssystems durch KI.
- EU AI Act (Perspektive 2025): Die ersten Versuche, Kennzeichnungspflichten für das „Nicht-Reale“ gesetzlich zu verankern.


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